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Den Tod ins Leben holen

Widnau «In Europa kann man 50 Jahre alt werden, ohne je dem Tod begegnet zu sein. Der Tod ist aus der modernen Gesellschaft verschwunden, als wäre er eine Ausnahme.» Am Vortrags- und Gesprächsabend «In der Familie über Tod und Sterben reden» vom Donnerstag, 21. Februar, im evangelischen Kirchgemeindehaus gab Silke Dohrmann Gegensteuer. Als erfahrene Pfarrerin und Hospizbegleiterin weiss sie, wie oft der Tod verdrängt und tabuisiert wird. «Eine Abkündigung im Rahmen eines Taufgottesdienstes erleben viele als Grenzüberschreitung. Dabei gehört der Tod genauso zum Leben wie die Geburt.» Silke Dohrmann ermutigte die rund 30 Teilnehmenden, bei aller Trauer und Angst den Tod auch als natürlichen und unabwendbaren Teil des Lebens zu akzeptieren. «Am Anfang braucht es Mut, darüber zu reden, man will niemanden irritieren oder verletzen. Das ist eine Herausforderung, für die Angehörigen genauso wie für die Betroffenen, die mit dem Alter zunehmend mit Einschränkungen und Krankheit zurechtkommen müssen.» Wie reagiert man, wenn man merkt, dass der achtzigjährige Vater nicht mehr sicher Auto fährt? Was sagt man, wenn schmutziges Geschirr im Schrank der neunzigjährigen Mutter liegt? In solchen Situationen sei es besser, über die eigenen Gefühle zu reden statt Anweisungen zu geben, riet Silke Dohrmann. «Anweisungen führen zu Widerstand, ehrlich ausgedrückte Gefühle erhöhen die Akzeptanz.» Fortschreitender Kontrollverlust führt bei Betroffenen und Angehörigen oft zu Trauer und Wut: «Warum gerade ich?» – «Das hätte nicht passieren dürfen.» Offen und ehrlich über die Situation reden und der Mut, sich familiäre, freundschaftliche, nachbarschaftliche und professionelle Hilfe zu holen, um sich selber zu entlasten, sei ein wichtiger erster Schritt, Trauer und Angst zu lindern, so die allgemeine Erkenntnis der Anwesenden, von denen viele über eigene Schicksale berichteten. Und wie soll man Kindern begegnen? Ein Teilnehmer brachte es auf den Punkt: «Jede Frage verdient eine klare Antwort. Aber es braucht keine ausufernden Zusatzerklärungen, die das Kind verunsichern.» Eine weitere Erkenntnis des Abends: Es lohnt sich, für den eigenen Tod alles Wichtige wie Patientenverfügung, Erbangelegenheiten und Wünsche für die Abdankung frühzeitig zu regeln. Mit dieser Klarheit tut man sich und den Angehörigen nur Gutes. (wi)

Pfarrerin Silke Dohrmann im Gespräch mit den Anwesenden. Bild: wi

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